Hörüberempfindlichkeit, pathologische Lautheitssteigerung – technische Möglichkeiten?

Unser Hören ist das Ergebnis eines komplexen organischen und zentralnervösen Zusammenspiels, in dem es kleinere Unterschiede, aber auch viele Ähnlichkeiten gibt. Zeigt das Hörsystem jedoch eine größere Abweichung, Störung oder Schädigung, wirkt sich das erheblich auf die Sprachentwicklung, unsere sozialen Fähigkeiten und unsere Gefühlswelt aus. Eine vom Üblichen abweichende Hörempfindlichkeit oder Überempfindlichkeit kennzeichnet vor allem unsere Reaktion auf Schallereignisse. Ursache kann eine abweichende Verarbeitung eines gesunden Hörorgans, aber auch ein geschädigtes Hörorgan sein. Wesentlich ist also nicht, ob wir auch leisere Geräusche wahrnehmen, sondern ob wir Geräusche normaler Lautstärke als zu laut oder schmerzhaft empfinden. All dies sind rein medizinische Fragen — aber lässt sich mit technischen Mitteln in irgendetwas helfen?

Hörüberempfindlichkeit

In der Medizin ist die Hörüberempfindlichkeit oder Hyperakusis seit Langem bekannt; sie gehört vor allem in den Bereich der Psychiatrie und Neurologie, wobei es zahlreiche unterschiedliche Definitionen des Phänomens gibt. Betroffene empfinden Geräusche, die für andere normale Lautstärke haben, als zu laut und können sie kaum oder nicht tolerieren; die Toleranz kann zudem von der aktuellen Stimmung abhängen. Mit dem Unbehagen können krankhafte Nervosität und sogar körperliche Schmerzen einhergehen. Bei Kindern lässt sich das Phänomen erkennen, wenn sie häufig die Hände an die Ohren halten, wenn sie auf bestimmte Geräusche wiederholbar nervös reagieren, wenn sie auf Geräusche, die andere nicht stören, mit Schmerz, Unbehagen oder Furcht antworten, wenn sie Konzentrationsschwierigkeiten haben, sobald es um sie herum nicht still ist, oder wenn sie auf unerwartete Geräusche überreagieren. Auch bei Erwachsenen kommen Veränderungen des Hörens vor, und bestimmte Berufe (z. B. Musiker, Lehrer) sind stärker betroffen.

Die Ursachen können neurologische Erscheinungen sein — typischerweise Autismus-Spektrum-Störungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) usw. —, Folgen traumatischer oder medikamentöser Behandlungen, angeborene Empfindlichkeit oder Erkrankungen (z. B. Williams-Syndrom) oder Nebenwirkungen einer laufenden Behandlung bzw. eines Symptomkomplexes (z. B. Migräne); häufig geht das Phänomen auch mit Tinnitus oder Hörminderung einher. In jedem Fall muss die genaue Ursache anhand einer medizinischen Diagnose bestimmt und auch die Therapieoptionen müssen auf medizinischem Wege gefunden werden. Aufgrund der Vielzahl der Ursachen ist bis heute leider nicht eindeutig, welche Behandlung allgemein wirksam sein kann, und auch in der Diagnose gibt es Abweichungen.

Pathologische Lautheitssteigerung

Hinsichtlich Symptomatik und Beschwerden ist die mit Hörminderung einhergehende Erscheinung Recruitment (pathologische Lautheitssteigerung) vergleichbar. Häufigste Ursache ist eine Schädigung der Haarzellen im Hörsystem: Während sich die Hörschwelle anhebt — mitunter um bis zu 40 dB, sodass die leisesten Geräusche vom Betroffenen nicht wahrgenommen werden —, hebt sich die Unbehaglichkeitsschwelle nicht an, sondern sinkt manchmal sogar leicht. Der hörbare Dynamikbereich wird gegenüber dem gesunden Hörbereich von etwa 120 dB erheblich eingeschränkt (z. B. auf 60 dB), und das Lautstärkeempfinden wächst überproportional. Das bedeutet: Geräusche, die nur etwas lauter sind als die nicht hörbaren, werden sofort sehr laut und störend empfunden. Der Name der Erscheinung geht darauf zurück, dass die noch gesunden Haarzellen neben den geschädigten ab einer bestimmten Lautstärke „einsteigen" und „nachhelfen", dabei aber bereits laut „rufen" können, was der Betroffene viel lauter empfindet als seine Umgebung. Die Reaktion kann der einer Hyperakusis ähneln: Selbst eine für andere noch normale Lautstärke wird vom Betroffenen schwer toleriert. Die Erkrankung kann Sprachentwicklung und andere soziale Wirkungen ungünstig beeinflussen und auch im Alter auftreten — Diagnostik und Behandlung sind daher sehr wichtig. Recruitment fällt in den HNO-Fachbereich. Welcher Teil des Hörsystems es verursacht und in welchem Ausmaß, lässt sich mit audiometrischen Tests nachweisen (z. B. Fowler- oder SISI-Test). Die Beschwerden des Recruitment können auch mit einem sorgfältig gewählten (nicht zu laut betriebenen, dynamikkomprimierten) Hörgerät reduziert werden. Eine ruhige Umgebung hilft in der Regel nur begrenzt: Senkt man die Umgebungsgeräusche stark, tritt zwar die störende Wirkung nicht mehr auf, aber Geräusche werden möglicherweise gar nicht mehr gehört (sie liegen unter der angehobenen Hörschwelle), was nicht in jedem Fall vorteilhaft ist.

Nicht „Überhören"

Der im Volksmund vielfach verwendete Ausdruck „Überhören" stammt aus einem Irrtum und ist nicht mit anderen tatsächlich existierenden Phänomenen zu verwechseln. Besonders bei Kleinkindern wird dieser falsche Begriff verwendet, der umgangssprachlich aus dem „zu gut Hören" stammt; als „Diagnose" dient eine — wenn auch im erweiterten Frequenzbereich durchgeführte — Hörschwellenmessung, die das gleichwohl häufige und völlig normale Phänomen aufzeigt, dass das Kind auch um einige Dezibel unter der normalen Hörschwelle liegende Geräusche wahrnimmt. Die „Therapie" nutzt die Gutgläubigkeit besorgter Eltern aus und ist ansonsten wirkungslos: spezielles Musikhören — gefiltert, moduliert, bestimmte Tonhöhen durchlassend, andere ausfiltrierend — wird regelmäßig und über relativ lange Zeit laut zu hören vorgeschrieben, was jedoch — wie zu vermuten — zu keinen Ergebnissen führt; bestenfalls lassen sich zufällige oder anekdotische „Belege" für die Wirksamkeit anführen. Fast drei Viertel der Kinder hören ohnehin etwas empfindlicher, also auch leisere Geräusche, als Erwachsene. Es geht dabei nur um einige Dezibel Unterschied — die einfache Ursache ist, dass sich das Hören bis ins junge Jugendalter verändert; die 0-dB-Hörschwelle (Lautstärke gerade wahrnehmbarer Geräusche bei einer gegebenen Tonhöhe) wurde aus dem Mittel einer Gruppenuntersuchung junger erwachsener Männer bestimmt, nicht an Kindern. Häufig hören auch Erwachsene unter der Hörschwelle, ihr Gehör ist also empfindlicher als der Durchschnitt — sonst wäre der Mittelwert ein anderer. Diese Empfindlichkeit bedeutet jedoch keineswegs, dass es sich um ein schädliches oder zu beseitigendes Symptom handelt; für Tonmeister ist das beispielsweise sogar ausgesprochen vorteilhaft. Hyperakusis oder Recruitment hingegen sind Überempfindlichkeiten mit bereits schädlichen Auswirkungen, die nicht aus dem organischen „zu gut Hören" stammen, sondern viel eher aus der nervalen Verarbeitung oder aus einer Schädigung des Hörsystems.

Technische Möglichkeiten

Für Menschen, die aus irgendeinem Grund durch Lärm gestört werden, ist die naheliegendste Lösung die Reduktion der Symptom auslösenden Phänomene. Hierzu gibt es neben dem Tragen von Ohrstöpseln zahlreiche technische Möglichkeiten — vor allem die Gestaltung der geeigneten Umgebung. Mit technischen Mitteln lässt sich die Reduktion von Schallereignissen — also der Symptom auslösenden, normalen Umgebungs- oder Nutzungsgeräusche — noch weiter zur Stille führen.

Der Artikel setzt sich fort — wir behandeln darin

  • Verbesserung der Schalldämmung

    Ist es möglich, die Schalldämmung so weit zu verbessern, dass die Symptome nicht mehr auftreten?

  • Welches Maß an Verbesserung wäre nötig?

    Welche Schalldämmanforderungen sind in solchen Fällen festzulegen?

  • Verbesserung der Schwingungsisolation

    Mit welchen speziellen Schwingungsisolationslösungen lassen sich eindringende Geräusche weiter reduzieren?

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